Juli 25 2010

Zeitlupe

Ganz langsam versank sein Stuhl im Sand. Er kippte einfach nach hinten weg, ohne dass er reagieren konnte. Was sollte er zuerst tun? Versuchen mit Schwung aufzustehen, aber das hätte womöglich dazu geführt, dass er sich vornüber flachlegen könnte. Das würde vielleicht ziemlich komisch aussehen und viele Leute am Strand ihn für sehr ungeschickt halten. Andererseits sah er im Augenblick auch nicht gerade wie die Körperbeherrschung und Geschicklichkeit in Person aus.

Sein Stuhl hatte mittlerweile eine Neigung von fünfundvierzig Grad erreicht und er tat nichts. Es gab einfach zu viele Möglichkeiten, wie zum Beispiel Festhalten, Schreien, einfach um Hilfe Bitten. Grad um Grad sank er weiter. Keine Gegenwehr. Keine Möglichkeit. Zumindest nicht für ihn. Es musste alles wohl durchdacht sein, um nicht unangenehm aufzufallen. Er kippte weiter, und es schien nicht aufhören zu wollen. Inzwischen waren schon viele Sekunden vergangen.

Er machte eine Mine, als ob das alles ganz normal, geplant, ja gar gewollt wäre. Die Position war sehr gut zum Sonnen und wenn er Gluck hatte, würden seine Stuhlbeine auf einen festen Widerstand treffen und alles würde, zumindest zum Schein, wunderbar aussehen. Doch er kippte. Langsam aber sicher. Ach, wie froh wäre er gewesen, wenn der Stuhl ganz einfach, bums, umgefallen wäre. Kurzer Schmerz, kurze unabwendbare Blamage. Es wäre ausgestanden. Aber nein. Sein Schicksal ließ sich Zeit. Viel Zeit.


Schlagwörter: ,
Copyright 2020. All rights reserved. by Roman Henri Marczewski

Veröffentlicht25. Juli 2010 von rhm52-20 in Kategorie "STORY ((KURZ)GESCHICHTEN))

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.