Juli 21 2010

DER JOGGER

Noch ist die Sonne nicht aufgegangen. Vögel singen, man hört das Meer rauschen, einzelne Frühaufsteher räuspern sich, die ersten Duschen duschen, irgend jemand lässt sein liebliches Motörchen laufen, das Räuspern wir zum Husten. Ja da hustet sich jemand fast die Lunge aus dem Hals, es werden immer mehr Vögel, Tausende. Bratpfannen brutscheln, Kinder kreischen und und überhaupt ein riesen Krach. Und das noch vor Sonnenaufgang.

Um seinen Gehör zu schonen und vor diesem Krach zu schützen, denn das war ja kaum auszuhalten, setzte er sich seinen Kopfhörer auf und drehte seinen Walkman auf volle pulle. Heisser Rock um vier und ich werde zum Tier. Wow das ging aber aber ab. Er fühlte wie seine Beine sich langsam in den Rhythmus einschwangen. seinen Jogging Anzug hatte er stundenlang nach hinten gebürstet, damit die Aerodynamik stimmte. Das rechte Bein hatte sich schon ein schwingender weise drei mal vom Boden abgehoben. Sein linkes Bein war heute nicht so schwungvoll wie er es gewohnt war. Es hatte sich wahrscheinlich Nachts ein wenig überanstrengt.

Das Schlafen auf einer Luftmatratze hatte es so in sich. Besonders wenn man zu dritt darauf schläft. Jede Bewegung musste sorgfältig geplant werden. Wer achtet aber im Schlaf so groß auf seine Bewegungen. Seine Frau lag in der Mitte. Bei Seinem Gewicht hätte er sie ganz schön rollen lassen können. Irgendwie klappte es aber bei diese Luftmatratze nicht. Sie, leichter wie er, schaffte es in eine stabile Lage zu bleiben während er, der Koloss, durch die Gegend flog. Um seine Frau noch zu unterstützen legte sich sein Sohn immer wieder mit in ihre Schlafkuhle. Gestern Nacht hatte er auf dem Rucken geschlafen, was dazu führte, dass er sich, beim herunter rollen von der Luftmatratze (was er immer noch nicht verstand, schon des Gewichtes wegen. Na ja) mit Seinem linken Bein abstützen musste. Ja. Deshalb war sein linkes Bein heute ein wenig müde.

Doch Waidmanns Heil und Beinbruch, mit diesem Problem wurde er schon irgendwie fertig. Er war von Natur her ein Frohnatur, wenn nur die Menschheit nicht so verdammt schlecht wäre und das Wetter vielleicht ein wenig schöner wäre und überhaupt…

Aber zurück zum Massensport. Er bewegte nun auch seine Massen und kam langsam in Schwung. Wie ein Dampflok setzte er immer schneller werdend ein Bein vor dem anderen und verfiel, schon nach wenigen Schritten in einen zwar flotten, doch angenehmen Trab. Die ersten hundert Meter liebte er Besonders. Er war noch frisch und kräftig und überzeugt von dem was er so sportlich anstellte. Die Nächsten hundert Meter waren da schon ein wenig anstrengender. Sein Puls pochte, er fing an zu transpirieren und kam schon langsam außer Atem. Der dritte Hunderter brach an. Ab da empfand er einen ziemlichen Respekt gegenüber alle vierhundertmeter Läufern.

Es war schon ein Wahnsinn was er trieb, aber alle machten es, und dass auch noch scheinbar gerne. Es hieß doch immer, dass nach eine gewisse weile, nach eine gewisse Anstrengung oder vielmehr Überanstrengung, ein euphorisches Gefühl, das vollkommene Ausflippen vor dem Kollaps, einsetzen wurde. Wusste er nichts von. Er begann zu prusten und zu schielen. Die Welt, zumindest das was er noch davon wahrnahm, drehte sich vor seinen Augen. Sportmedizinisch gesehen machte er vielleicht irgendetwas falsch. Als nicht Fachmann kann das schon mal geschehen. Und überhaupt. Warum machte er es. Niemand hatte es empfohlen, es interessierte niemanden, es schaffte ihn total.

Ach ja. Man hat es halt in der modernen Welt nicht leicht. Die richtige Zahnpasta schmeckte ihm nicht, das richtige Essen war ihm zu teuer und schmeckte ihm nicht, moderne Errungenschaften wie Neuwagen konnte er sich auch nur im Schaufenster betrachten. Die ganze Katalyse-Diskussion war an ihm vorbeigegangen. Es hat ihn höchsten peripher tangiert (Peripher tangiert! Gut!). So was war einfach rein finanziell nicht zu verwirklichen. Es war aber schon zu begrüßen und als Naturfreund und Sportler…

Oh! Darüber hätte er nicht nachdenken sollen. Plötzlich fielen ihm seine Beine ein. Schmerz und Schlaffheit. Die Lunge allmählich leer gepumpt und das Gehirn. Na ja! Das ging ja noch. An seinen eigenen Körper wurde ihm die Trennung zwischen Kopf -und Muskelarbeit bewußt. Sein Kopf sagte, im Zuge der Überwindung des inneren Schweinehundes, lauf man lauf. Seine Beine und Lunge konnten nicht sehr viel denken und taten ihre Aufgabe. Sein Schweinehund aber!

Das war wieder etwas zum nachdenken. Nur so hielt er durch. Die Teamarbeit zwischen seinem Hirn, die Augen und die Beine funktionierte prächtig. Sein Ich durfte nur nicht teilhaben, sonst kamen Zweifel am Tun auf. Schritt für Schritt, Meter um Meter. Eine schier nicht zu bewältigende Qual in jeden Faser des Körpers. Dem Zusammenbruch nahe schrak er wie von eine Tarantel gestochen zusammen, als irgendein Störenfried, ein Ignorant ihm an der Schulter packte. Blitzschnell öffnete er seine Augen und sah sich verträumt um.

„Ich dachte Du wolltest Frühstück einkaufen!“

„Eh. Ach ja. Oh, ja ja.“

Er erhob sich von dem Campingstuhl legte seinen Walkman beiseite und trottete los in Richtung Laden. Es war eine Stecke von gut zweihundert Meter dabei zu bewältigen, und so auf dem Weg fragte er sich ob er voll ein wenig schneller laufen sollte. Er entschied sich aber dagegen. Was würden die anderen Camper davon halten wenn jemand schon am Morgen verschwitzt und außer Puste zum Einkaufen kam. Und überhaupt…ich meine…Wat soll’s?


Schlagwörter: ,
Copyright 2020. All rights reserved. by Roman Henri Marczewski

Veröffentlicht21. Juli 2010 von rhm52-20 in Kategorie "STORY ((KURZ)GESCHICHTEN))

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.