Juli 25 2010

DACH

Es regnete schon seit Tagen. Alles, was er an Folien, Plastiktüten, Eimern und Schüsseln auftreiben konnte, war schon im Gebrauch. Nach dem letzten Winter war sein Sommersitz einfach nicht mehr das, was er mal war. Nun ja, dicht war es noch nie, aber nicht so. Hier Stopfen, da Zuflicken. Sein Tag bestand aus dem Verwirklichen von immer abenteuerlicher aussehenden Zwischenlösungen. Die Zeitungen sagten besseres Wetter voraus, doch es ließ lange auf sich warten. So schmollte er feucht, mit Husten und Schnupfen, in seiner Residenz.

Plötzlich war die Sonne zum ersten Mal seit unendlicher Zeit aufgetaucht. Sie stocherte sich einen Weg durch die scheinbar immerwährende Wolkenschicht und durchflößte ihn mit schon fast vergessenen Gefühlen von Urlaub und Wonne. Vielleicht war der wirkliche Sommer endlich im Anmarsch, und er überlegte schon, was er mit dem Tag alles machen könnte. Als erstes natürlich sein Dach reparieren, damit es schön trocken und wohlig wird, falls das Wetter wieder umschlägt. Dann zum Strand. Seit er da war, hatte er nicht einmal das Meer gesehen. Die Reihenfolge war logisch und doch gab es wiederum logische Gründe, diese Reihenfolge umzudrehen. So stabil sah das Wetter nun doch nicht aus. Wenn er während der Reparaturen nun vom Regen überrascht werden und dabei schon die Übergangslösungen entfernt haben sollte, würde er wieder dastehen wie vor all seinen Mühen. Das Dach musste natürlich auch ein wenig austrocknen, sonst würde es die Feuchtigkeit einschließen. Es könnte anfangen zu modern, schimmeln und stinken. Sein Dach wäre dann endgültig ruiniert. Dazu kam, dass er schon langsam Heißhunger auf den Strand hatte. Die Vernunft siegte, und er ging baden.

Seit Tagen nur Sonne. Sein Dach war wunderbar trocken und seine Seele von entspannten Glücksgefühlen ganz feucht. So stellte er sich seinen Urlaub vor. Morgens gegen 12 Uhr aufstehen, bis 14 Uhr Frühstück und dann ab zum Strand. Die Sonne hatte ihn schön knusprig werden lassen. Alle würden ihn zuhause beneiden, und sein Stolz schwoll wie ein Hahnenkamm, wenn er am Strand röstend sich an seine Kollegen und besonders Kolleginnen erinnerte, die höchstens mal in das Sauerland fahren, um ihr Familienleben ein paar Kilometer von zuhause entfernt fortzusetzen. Mann oh man war das alles toll. Jetzt aufs Dach klettern, bei der Hitze, nicht dran zu denken. Er wollte ein wenig abwarten, bis sich das Wetter ein wenig abgekühlt hatte. Leichte Sommerbewölkung. Da ließ es sich besonders gut arbeiten.

Es hatte spontan begonnen. Ein Sommergewitter ergoss sich über die ganze Welt. Zumindest erschien es ihm so. Als ob der Himmel geborsten wäre. Na ja, dachte er sich. Dadurch kühlt sich die Luft ein wenig ab und er könnte endlich sein Dach in Ordnung bringen. Alle fünf Minuten hatte er aus seinem Fenster geschaut, um auf ein Aufreißen der Bewölkung hin seine Vorbereitungen für die Reparaturen zu treffen. Zumindest am ersten Tag. Feucht und erkältet schlürfte er seinen Tee. Ganz blass war erschon wieder. Er sehnte sich nach Hause. Dieses Jahr war es wohl Essig mit seinem Dach. Doch ehe der Winter kommt, muss es dicht gemacht werden. Wenn bloß die Sonne für ein paar Tage durchkäme, könnte er sich die Handwerkerkosten sparen. Diesmal würde er nicht solange warten und sich fast sofort an die Arbeit machen. Natürlich musste sein Dach erstmal trocken werden.


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Veröffentlicht25. Juli 2010 von rhm52-20 in Kategorie "BLOG

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