März 2 2020

DER JOGGER

Noch ist die Sonne nicht aufgegangen. Vögel singen, man hört das Meer rauschen, einzelne Frühaufsteher räuspern sich, die ersten Duschen duschen, irgend jemand lässt sein liebliches Motörchen laufen, das Räuspern wir zum Husten. Ja da hustet sich jemand fast die Lunge aus dem Hals, es werden immer mehr Vögel, Tausende. Bratpfannen brutscheln, Kinder kreischen und und überhaupt ein riesen Krach. Und das noch vor Sonnenaufgang.
Um seinen Gehör zu schonen und vor diesem Krach zu schützen, denn das war ja kaum auszuhalten, setzte er sich seinen Kopfhörer auf und drehte seinen Walkman auf volle pulle. Heisser Rock um vier und ich werde zum Tier. Wow das ging aber aber ab. Er fühlte wie seine Beine sich langsam in den Rhythmus einschwangen. seinen Jogging Anzug hatte er stundenlang nach hinten gebürstet, damit die Aerodynamik stimmte. Das rechte Bein hatte sich schon ein schwingender weise drei mal vom Boden abgehoben. Sein linkes Bein war heute nicht so schwungvoll wie er es gewohnt war. Es hatte sich wahrscheinlich Nachts ein wenig überanstrengt.

Das Schlafen auf einer Luftmatratze hatte es so in sich. Besonders wenn man zu dritt darauf schläft. Jede Bewegung musste sorgfältig geplant werden. Wer achtet aber im Schlaf so groß auf seine Bewegungen. Seine Frau lag in der Mitte. Bei Seinem Gewicht hätte er sie ganz schön rollen lassen können. Irgendwie klappte es aber bei diese Luftmatratze nicht. Sie, leichter wie er, schaffte es in eine stabile Lage zu bleiben während er, der Koloss, durch die Gegend flog. Um seine Frau noch zu unterstützen legte sich sein Sohn immer wieder mit in ihre Schlafkuhle. Gestern Nacht hatte er auf dem Rucken geschlafen, was dazu führte, dass er sich, beim herunter rollen von der Luftmatratze (was er immer noch nicht verstand, schon des Gewichtes wegen. Na ja) mit Seinem linken Bein abstützen musste. Ja. Deshalb war sein linkes Bein heute ein wenig müde.

Doch Waidmanns Heil und Beinbruch, mit diesem Problem wurde er schon irgendwie fertig. Er war von Natur her ein Frohnatur, wenn nur die Menschheit nicht so verdammt schlecht wäre und das Wetter vielleicht ein wenig schöner wäre und überhaupt…

Aber zurück zum Massensport. Er bewegte nun auch seine Massen und kam langsam in Schwung. Wie ein Dampflok setzte er immer schneller werdend ein Bein vor dem anderen und verfiel, schon nach wenigen Schritten in einen zwar flotten, doch angenehmen Trab. Die ersten hundert Meter liebte er Besonders. Er war noch frisch und kräftig und überzeugt von dem was er so sportlich anstellte. Die Nächsten hundert Meter waren da schon ein wenig anstrengender. Sein Puls pochte, er fing an zu transpirieren und kam schon langsam außer Atem. Der dritte Hunderter brach an. Ab da empfand er einen ziemlichen Respekt gegenüber alle vierhundertmeter Läufern.

Es war schon ein Wahnsinn was er trieb, aber alle machten es, und dass auch noch scheinbar gerne. Es hieß doch immer, dass nach eine gewisse weile, nach eine gewisse Anstrengung oder vielmehr Überanstrengung, ein euphorisches Gefühl, das vollkommene Ausflippen vor dem Kollaps, einsetzen wurde. Wusste er nichts von. Er begann zu prusten und zu schielen. Die Welt, zumindest das was er noch davon wahrnahm, drehte sich vor seinen Augen. Sportmedizinisch gesehen machte er vielleicht irgendetwas falsch. Als nicht Fachmann kann das schon mal geschehen. Und überhaupt. Warum machte er es. Niemand hatte es empfohlen, es interessierte niemanden, es schaffte ihn total.
Ach ja. Man hat es halt in der modernen Welt nicht leicht. Die richtige Zahnpasta schmeckte ihm nicht, das richtige Essen war ihm zu teuer und schmeckte ihm nicht, moderne Errungenschaften wie Neuwagen konnte er sich auch nur im Schaufenster betrachten. Die ganze Katalyse-Diskussion war an ihm vorbeigegangen. Es hat ihn höchsten peripher tangiert (Peripher tangiert! Gut!). So was war einfach rein finanziell nicht zu verwirklichen. Es war aber schon zu begrüßen und als Naturfreund und Sportler…

Oh! Darüber hätte er nicht nachdenken sollen. Plötzlich fielen ihm seine Beine ein. Schmerz und Schlaffheit. Die Lunge allmählich leer gepumpt und das Gehirn. Na ja! Das ging ja noch. An seinen eigenen Körper wurde ihm die Trennung zwischen Kopf -und Muskelarbeit bewußt. Sein Kopf sagte, im Zuge der Überwindung des inneren Schweinehundes, lauf man lauf. Seine Beine und Lunge konnten nicht sehr viel denken und taten ihre Aufgabe. Sein Schweinehund aber!

Das war wieder etwas zum nachdenken. Nur so hielt er durch. Die Teamarbeit zwischen seinem Hirn, die Augen und die Beine funktionierte prächtig. Sein Ich durfte nur nicht teilhaben, sonst kamen Zweifel am Tun auf. Schritt für Schritt, Meter um Meter. Eine schier nicht zu bewältigende Qual in jeden Faser des Körpers. Dem Zusammenbruch nahe schrak er wie von eine Tarantel gestochen zusammen, als irgendein Störenfried, ein Ignorant ihm an der Schulter packte. Blitzschnell öffnete er seine Augen und sah sich verträumt um.

“Ich dachte Du wolltest Frühstück einkaufen!”

“Eh. Ach ja. Oh, ja ja.”

Er erhob sich von dem Campingstuhl legte seinen Walkman beiseite und trottete los in Richtung Laden. Es war eine Stecke von gut zweihundert Meter dabei zu bewältigen, und so auf dem Weg fragte er sich ob er voll ein wenig schneller laufen sollte. Er entschied sich aber dagegen. Was würden die anderen Camper davon halten wenn jemand schon am Morgen verschwitzt und außer Puste zum Einkaufen kam. Und überhaupt…ich meine…Wat soll’s?

© 1998 by RHM

Februar 10 2020

CAMPING

Der herbe Geschmack von verbrannten Würstchen aufgelockert mit süßlichen Gewürzen bestehend aus Knoblauch, Rosenpaprika, Obstresten, die noch von wer weiß wann in der Pfanne hafteten und Ungeziefer. So gehört sich das, so ist Camping. Die Sonne geht wunderschön unter und man zündet die Kerzen an. Dieses wohlige Halbdunkel, indem man nicht weiß, welches Insekt sich gerade wohin setzt. Beim Zuschlagen spürt man nur die unangenehme Masse, popelähnlich, zwischen seinen Fingern. Wenn man Gluck hat, kommt Spannung und Abenteuer in Form eines Insekts, das kaum noch von der Größe her mit anderen vergleichbar ist, auf. Haustiere wie Hamster oder Tanzmäuse müssten schon fast hinauf schauen zu manch Spinne und Viech, das so unglaublich groß und fies aussieht, dass es aus Angst niemals von der Wissenschaft studiert oder beschrieben wurde.

Hat man diese Abenteuer überwunden kriecht man auf seine Luftmatratze. Phantasievolle Menschen wähnen auch hier Ungeheuer der Natur. Jedes sich aus der Tagesverkrampfung und Verklebung lösende Härchen am Körper wird zu einem Insekt. Die Luftmatratze quietscht und stöhnt. Es passt sich dem Körper bei jeder Bewegung an. Legt man sich ein wenig nach links, bläst es sich rechts auf und schmeißt einen dann sanft auf dem Boden. Genauso umgekehrt. Wenn der Oberkörper links liegt, müssen ein Bein und ein Arm rechts liegen und das möglichst weit, um als Gegengewicht zu dienen. Oder man legt sich S-förmig, das Heißt Oberkörper links und möglichst viel Knie und Unterschenkel nach rechts. Diese Stellung halten die meisten Menschen nicht eine ganze Nacht im Schlaf durch und werden bei jeder Bewegung entweder tief schlafend von der Matratze geschoben oder werden ganz einfach wieder wach. Dies wiederum fuhrt natürlich zu einem intensiven Bewusst werden der eigenen Bewegungen in der Nacht.

Es kommt dadurch aber auch vor, dass man durch das viele Aufwachen erleben muss, wie oft sich eine Blase füllen kann. Die dann folgende Frage beschäftigt sich mit dem Ort der Erleichterung. Geht man nun die ganzen 100 Meter zum Klo, und dafür müsste man sich etwas überziehen, oder wird es abenteuerlich neben dem Zelt gemacht? Sich letztendlich für das zweite entscheidend, muss das Zelt möglichst ruhig verlassen werden. Nicht zu laut, damit andere Halbschläfer oder gar Pinkler nicht erschreckt werden, bzw. um nicht aufzufallen. Es ist schon eine Sauerei. Das Geräusch des Entleerens ist bei diesem Spielchen merkwürdig laut. Wieder ein Bewusstwerden, und wieder ein Abenteuer. Überhaupt ist Camping hervorragend für das Bewusstsein.

Wohl ausgeruht oder seiner Bewegung bewusst steht man dann am Morgen auf und streckt seinen oft schmerzenden Rucken kräftig durch. Nach der Morgengymnastik wird in der Pinkelschlange am Klo Aufstellung genommen. “Guten Tag, bon Juor, ach hallo.” Die Kommunikation greift um sich. Danach Frühstück mit schnell erkaltendem Kaffee und fliegenbedecktem Marmeladenbrot. Spülen, waschen, lesen, Strand, schmoren. Hungrig und fast gar bis verbrannt wird kurz vor Geschäftsschluss eingekauft. Der Hunger treibt ungeahnte Blüten und der Einkaufswagen sieht aus wie eine Snackbar. Fast abgefüllt mit allerlei Junkfood und um viel Geld ärmer landet man schließlich wieder auf dem Campingplatz und bereitet sich sein Abendmahl. Der herbe Geschmack von angebrannte Suppe verfeinert mit……

© 1998 by RHM

August 20 2010

Dach

Es regnete schon seit Tagen. Alles, was er an Folien, Plastiktüten, Eimern und Schüsseln auftreiben konnte, war schon im Gebrauch. Nach dem letzten Winter war sein Sommersitz einfach nicht mehr das, was er mal war. Nun ja, dicht war es noch nie, aber nicht so. Hier Stopfen, da Zuflicken. Sein Tag bestand aus dem Verwirklichen von immer abenteuerlicher aussehenden Zwischenlösungen. Die Zeitungen sagten besseres Wetter voraus, doch es ließ lange auf sich warten. So schmollte er feucht, mit Husten und Schnupfen, in seiner Residenz.

Plötzlich war die Sonne zum ersten Mal seit unendlicher Zeit aufgetaucht. Sie stocherte sich einen Weg durch die scheinbar immerwährende Wolkenschicht und durchflößte ihn mit schon fast vergessenen Gefühlen von Urlaub und Wonne. Vielleicht war der wirkliche Sommer endlich im Anmarsch, und er überlegte schon, was er mit dem Tag alles machen könnte. Als erstes natürlich sein Dach reparieren, damit es schön trocken und wohlig wird, falls das Wetter wieder umschlägt. Dann zum Strand. Seit er da war, hatte er nicht einmal das Meer gesehen. Die Reihenfolge war logisch und doch gab es wiederum logische Gründe, diese Reihenfolge umzudrehen. So stabil sah das Wetter nun doch nicht aus. Wenn er während der Reparaturen nun vom Regen überrascht werden und dabei schon die Übergangslösungen entfernt haben sollte, würde er wieder dastehen wie vor all seinen Mühen. Das Dach musste natürlich auch ein wenig austrocknen, sonst würde es die Feuchtigkeit einschließen. Es könnte anfangen zu modern, schimmeln und stinken. Sein Dach wäre dann endgültig ruiniert. Dazu kam, dass er schon langsam Heißhunger auf den Strand hatte. Die Vernunft siegte, und er ging baden.

Seit Tagen nur Sonne. Sein Dach war wunderbar trocken und seine Seele von entspannten Glücksgefühlen ganz feucht. So stellte er sich seinen Urlaub vor. Morgens gegen 12 Uhr aufstehen, bis 14 Uhr Frühstück und dann ab zum Strand. Die Sonne hatte ihn schön knusprig werden lassen. Alle würden ihn zuhause beneiden, und sein Stolz schwoll wie ein Hahnenkamm, wenn er am Strand röstend sich an seine Kollegen und besonders Kolleginnen erinnerte, die höchstens mal in das Sauerland fahren, um ihr Familienleben ein paar Kilometer von zuhause entfernt fortzusetzen. Mann oh man war das alles toll. Jetzt aufs Dach klettern, bei der Hitze, nicht dran zu denken. Er wollte ein wenig abwarten, bis sich das Wetter ein wenig abgekühlt hatte. Leichte Sommerbewölkung. Da ließ es sich besonders gut arbeiten.

Es hatte spontan begonnen. Ein Sommergewitter ergoss sich über die ganze Welt. Zumindest erschien es ihm so. Als ob der Himmel geborsten wäre. Na ja, dachte er sich. Dadurch kühlt sich die Luft ein wenig ab und er könnte endlich sein Dach in Ordnung bringen. Alle fünf Minuten hatte er aus seinem Fenster geschaut, um auf ein Aufreißen der Bewölkung hin seine Vorbereitungen für die Reparaturen zu treffen. Zumindest am ersten Tag. Feucht und erkältet schlürfte er seinen Tee. Ganz blass war erschon wieder. Er sehnte sich nach Hause. Dieses Jahr war es wohl Essig mit seinem Dach. Doch ehe der Winter kommt, muss es dicht gemacht werden. Wenn bloß die Sonne für ein paar Tage durchkäme, könnte er sich die Handwerkerkosten sparen. Diesmal würde er nicht solange warten und sich fast sofort an die Arbeit machen. Natürlich musste sein Dach erstmal trocken werden.

August 1 2010

Wäscheklammer

Ich fühle mich dazu bestimmt, seidene Bettwäsche zu halten. Schon in der Fabrik sagte man mir, dass dies wohl nicht passieren würde. Heute war alles sehr viel anders als früher. Aber ich frage mich, wieso die Menschheit so etwas Edles wie mich kaufen kann, wenn es nichts Edles zu halten gibt. Ausrangierte Kollegen sagten, dass auch sie schon solche glorreichen Träume gehabt hatten. Die Realität ist aber bei weitem nicht halb so rosig. Wer schon seidene Wäsche besitzt, lässt diese in Reinigungen säubern, wo man ganz auf uns verzichten kann. Und überhaupt hat der moderne Haushalt sich schon längst auf Plastik, igittigitt, eingestellt. Im besten Falle könnte es geschehen, dass irgend welche, wenigstens angehauchte, Ökos mich kaufen. Dann könnte ich immerhin für baumwollene Wäsche oder Schafswoll-Unterhosen verwendet werden. Etwas, was zumindest auch in unserer Tradition liegt.
Wenn’s arg kommt, und das wünscht sich keiner von uns, kommen wir in eine Ramschkiste und werden von irgendwelchen neu-armen Prollis gekauft. Eine Möglichkeit, die mich schaudern lässt. Buntbedruckte Perlonwäsche, Erdoel-Unterhosen. Ich sage da nur, Plastik zu Plastik. Die pflegen einen ja nicht mal, diese Banausen. Lassen uns vielleicht sogar noch feucht hängen wie die rot-blau-grünen immerbeständigen Ekelkollegen. Bei Wind und bei Wetter. Diese – ich schäme mich fast überhaupt zur selben Art zu gehören – diese Kollegen verrotten ja nicht mal, wenn man es will. Dauermüll, sage ich nur. Ob im Gebrauch oder auf der Halde, Dauermüll.
Das Schlimmste überhaupt ist die Bastelstube. Als Bastelbedarf verkauft zu werden. Das muss man sich vorstellen. Man wird in zwei Teile gerissen. Mit roher Gewalt. Und unsere Seele, unsere Kraft, unser Mittelpunkt, die Feder unseres Daseins wird meist einfach weggeworfen. Weggeworfen zum Rosten. Nicht mal unsere Plastikkollegen kommen ohne die se Feder des Klammerlebens aus. Danach werden wir, schlaff, geteilt, haltlos und hilflos irgendwo hingeklebt oder festgekeilt. Brrrrrr!
Nee! Ich bin für seidene Wäsche und feine Dessous geboren. Egal, was man mir erzählt, ich bleibe dabei. Klammere mich, wie es sich für mich geziemt, an dieses Ziel. Basta.
Juli 25 2010

Zeitlupe

Ganz langsam versank sein Stuhl im Sand. Er kippte einfach nach hinten weg, ohne dass er reagieren konnte. Was sollte er zuerst tun? Versuchen mit Schwung aufzustehen, aber das hätte womöglich dazu geführt, dass er sich vornüber flachlegen könnte. Das würde vielleicht ziemlich komisch aussehen und viele Leute am Strand ihn für sehr ungeschickt halten. Andererseits sah er im Augenblick auch nicht gerade wie die Körperbeherrschung und Geschicklichkeit in Person aus.

Sein Stuhl hatte mittlerweile eine Neigung von fünfundvierzig Grad erreicht und er tat nichts. Es gab einfach zu viele Möglichkeiten, wie zum Beispiel Festhalten, Schreien, einfach um Hilfe Bitten. Grad um Grad sank er weiter. Keine Gegenwehr. Keine Möglichkeit. Zumindest nicht für ihn. Es musste alles wohl durchdacht sein, um nicht unangenehm aufzufallen. Er kippte weiter, und es schien nicht aufhören zu wollen. Inzwischen waren schon viele Sekunden vergangen.

Er machte eine Mine, als ob das alles ganz normal, geplant, ja gar gewollt wäre. Die Position war sehr gut zum Sonnen und wenn er Gluck hatte, würden seine Stuhlbeine auf einen festen Widerstand treffen und alles würde, zumindest zum Schein, wunderbar aussehen. Doch er kippte. Langsam aber sicher. Ach, wie froh wäre er gewesen, wenn der Stuhl ganz einfach, bums, umgefallen wäre. Kurzer Schmerz, kurze unabwendbare Blamage. Es wäre ausgestanden. Aber nein. Sein Schicksal ließ sich Zeit. Viel Zeit.